Die Deutsche Post startet den ContentConverter
Mit dem ContentConverter wirft die Deutsche Post ein neues Publishing-Tool in den Ring. Es zu nutzen, ist für Corporate Publisher eine Glaubensfrage.
Was Lutz Glandt, Mitglied des Bereichsvorstands Brief Deutschland bei der Deutschen Post DHL, bislang in Angriff nahm, um den schrumpfenden Printmedienversand zu kompensieren, war nicht von durchschlagendem Erfolgen gekrönt. Immerhin muss man ihm zugute halten: er probiert aus. Nach einem früh gescheiterten Versuch, eine auf einem Printcover aufgebrachte Scheckkarte als Schlüssel für Online-Content zu nutzen und einer noch immer eher bescheidenen Rolle als Content-Makler mit dem Dienst Die Redaktion folgt nun ein neuer Versuch als Verlags- und Kommunikationsdienstleister: Die Post steigt ins digitale Publishing-Geschäft ein. Sie will mit ihrem neuen ContentConverter vor allem kleinen und mittelgroßen Verlagen sowie Corporate Publishern zur schnellen und kostengünstigen App auf allen Ausgabegeräten verhelfen. Ob dieser Wurf gelingt?
Der ContentConverter, entstanden in Zusammenarbeit mit dem Softwareunternehmen GFT, Stuttgart, wandelt um, was bereits geschaffen ist. Das heißt, er setzt da an, wo Text und Bild zu einem Layout verschmolzen sind, dort wo Publishingsysteme wie Tango, WoodWing oder K4 ihre Hauptarbeit bereits erledigt haben. Über einen Adapter, ein Plug-in oder direkt aus einem Layout-Programm wie Adobe Indesign greift sich der Converter XML-Daten ab und transformiert sie über HTML5-Templates in Hybrid-Apps, die auf allen mobilen Plattformen laufen - im Mäusekino-Smartphone ebenso wie auf 5-, 7- und 10-Zoll-Tablet-PCs bis hin zum internetfähigen 54-Zoll-HD-Fernseher.
Die Anbieter von Publishingsystemen haben grundsätzlich kein Problem, den Post-Converter anzudocken, lässt er sich doch vergleichsweise einfach in die heutigen Systemen mit offenen Schnittstellen integrieren. "Letzlich entscheidet der Kunde, welche Lösung er für die Produktion von digitalen Ausgaben einsetzen möchte", gibt sich Carsten Althaber, Marketing-Direktor bei Vjoon, ganz offen.
Mit dem Content Converter in 90 Minuten zur App
Aber wozu braucht man den ContentConverter überhaupt? Längst haben die großen Publishingsystem-Anbieter bei der App-Produktion ihre eigenen Partner. WoodWing und Vjoon K4 holten sich mit Adobe und dessen Digital Publishing Suite (DPS) ein international führendes Schwergewicht ins Boot, gegen den eine Deutsche Post als Marktneuling zunächst wenig in die Waagschale zu werfen hat. Oder doch? Michael Stühr, Chef von MarkStein Software, sieht den großen Vorteil des ContentConverter darin, dass „eine Vielzahl von Geräten automatisiert bedient werden kann“. Tatsächlich hinkt Adobes DPS in Sachen flexiblen Layouts derzeit dem ContentConverter hinterher. Mit DPS erhält noch immer jedes Ausgabegerät seinen Maßanzug. Das verspricht zwar hohe Qualität, verursacht aber auch Kosten. Noch. Denn HTML5 ist längst auch für Adobe das große Zukunftsthema. Ab der Creative Suite 6, sie wird in diesem Jahr erwartet, soll auch die DPS jedes Gerät mit atmenden Layouts versorgen können.
Zielgruppe: mittelgroße Verlage und Corporate Publisher
Adobe ist der Platzhirsch. Indesign ist zum Inbegriff der Printwelt gworden – und wurde von Adobe mit der DPS in die Mobile-Welt verlängert. Daran dürfte auch der ContentConverter kaum rütteln können.
Die Post nimmt die Kurve daher über die Positionierung bei kleinen und mittelgroßen Verlagen und Agenturen. Bei denen, die nicht die großen Markenartikler betreuen, wo es nicht um aufwändige, „handgeklöppelte Lösungen“ geht, wie Frank Otto, Sales Director bei GFT, die Image-Apps von BMW & Co. gern beschreibt. Und bei denen, die sich noch nicht für eines der großen layoutbasierten Publishingsysteme entschieden haben. In der so definierten Zielgruppe finden sich vor allem kleiner Zeitungs- und Fachzeitschriftenverlage sowie Corporate Publisher.
Doch eigentlich geht es um ganz anderes: Es geht um die Zukunft der layoutbasierten App als der tragenden Säule mobilen Contents. Viele Medienmacher und Kommunikationsverantwortliche fragen sich längst, ob sie mit ihren digitalen Content-Strategien auf dem richtigen sind? Schon heute braucht Geduld, wer die knapp 200 MB des BMW Magazins auf sein iPad laden will. Werden weitere Funktionen und Gimmicks für immer mehr Darstellungsoptionen programmiert, so fürchten Insider, kommen Apps vielleicht bald auf 600 MB und mehr – und werden zur Geduldsprobe. Spätestens wenn die Marken-App-Stars unberührt im iTunes-Store auf Downloader warten, weil sie zuviel Platz brauchen und lange Ladezeiten langweilen, wird man sich Gedanken machen, ob über immer mehr Gimmicks und Contentebenen nicht das Ziel außer Sichtweite gerät.
In der HTML5-Welt des Content Converters dagegen punktet, wer klassische Digitallayouts mit Text, Bildgalerien und ein paar Videos schnell und unkompliziert in der bunten digitalen Gerätewelt platzieren will.
Und es geht um Geld. Längst halten Medienmacher Ausschau nach Alternativen zu Apples App Store, wo sich die Innovationsgurus aus Cupertino immerhin 30 Prozent der Einnahmen für ihre Vertriebsdienste abgreifen. Die Web App des ContentConverter kann, muss aber nicht in die App Stores von Apple oder Android.
HTML5 in Sachen Layout unterbelichtet
Doch warum überhaupt noch layoutbasierte Publishingsysteme davorschalten? Man könnte doch gleich in HTML5 programmieren und sich dann auch jeglichen Converter sparen? Dieter Reichert von Censhare glaubt jedenfalls schon lange nicht mehr, „dass sich die neue digitale Medienwelt auf Basis eines Layoutprogramms wie Indesign erschließen lässt“, das für die Printwelt geschaffen wurde (CPWISSEN 27.06.2011) Censhare setzt daher voll auf dynamische Apps auf HTML5-Basis.
Frank Otto hält die Umwandlung von bereits gelayouteten Daten über XML in HTML5 zwar ebenfalls für anachronistisch, ist aber ebenso davon überzeugt, dass „der Funktionsumfang in HTML5 im Moment ungenügend ist, um alle Möglichkeiten der neuen Geräteklassen zu nutzen“. Gerade das Thema der Offlineverfügbarkeit sprenge, so Otto, den Rahmen der Leistungsfähigkeit von HTML5 innerhalb der aktuellen mobilen Browser. In HTML5 aufzubauen hält er dennoch für sinnvoll, aber nur, wenn zusätzliche Layoutfunktionen beim Aufbau von Content bereits mitgegeben werden. Die Lösung: das gezielte Anreichern von HTML5 durch spezialisierte Layout-Algorithmen in Java-Script, um Text, Headlines, Vorspänne, Videos und Bildern dynamisch die besten Plätze online und offline auf den Ausgabegeräten zuzuweisen.
Nicht ganz einfach, sich in diesem Umfeld von Software- und Print-Layout-geprägten Anbietern den eigenen Weg zu bahnen. Der ContentConverter der Deutschen Post jedenfalls verspricht all jenen Vorteile, die in der digitalen Welt nicht die heilige Kuh im Glanz immer neuer Spezialprogrammierungen sehen, sondern Informationskanäle, über die sich Botschaften schnell und unkompliziert aussteuern lassen. Ideal für Zeitungsverlage. Ob die Markenwelten der Corporate Publisher ebenfalls für den ContentConverter geeignet sind, das muss sich erst noch zeigen.
Das Preismodell
© CPWISSEN 30.01.2012 14:30







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Bernd L. meint am 19.03.2012 - 09:39 Uhr
Sehr interessantes Konzept der Post, da doch das Internet im Corporate Publishing immer weiter an Bedeutung zunimmt. Es wird sich zeigen, ob sie mit ihrem Angebot die Verlage erreichen können.